Die Weltnachrichten erreichen uns heute nicht mehr nur einmal am Tag über die Tagesschau; sie fließen ununterbrochen in unsere Handys. Wir werden von Nachrichten über weltweite Krisen überschwemmt. Wir merken es in unseren Teams, in unseren Familien und bei uns selbst: Die Unsicherheit wächst.
Vielleicht kennst du das Gefühl: Du siehst, dass ein Kollege oder eine Freundin sich zurückzieht, trauriger wirkt oder auf Fragen nur noch einsilbig antwortet. Du würdest gerne helfen, aber da ist diese leise Stimme im Kopf: „Was, wenn ich die Büchse der Pandora öffne? Was, wenn ich keine Antwort habe? Bin ich überhaupt qualifiziert, über solche Gefühle zu sprechen?“
Die Angst des Ersthelfers vor der „falschen“ Antwort
Es ist völlig normal, Respekt davor zu haben, jemanden auf seinen seelischen Zustand anzusprechen. Wir haben Angst, die Person zu überfordern, oder selbst von der Wucht der Emotionen mitgerissen zu werden.
Wichtig ist: Beistand in der Krise bedeutet Präsenz. Es geht darum, anwesend zu sein. Wir nennen das: den Raum halten, ohne ihn sofort mit Lösungen füllen zu wollen.
Das Fundament: Die Drei-Schritte (HSN-Prinzip)
Ob dein Kurs nun drei Jahre oder drei Tage her ist – die Struktur der Hilfe bleibt unser Sicherheitsnetz. Sie schützt nicht nur den Betroffenen, sondern auch dich als Helfer vor Überforderung.
- Schritt 1 Hinschauen.
Wahrnehmen und Erkennen stehen am Anfang. Achte auf Veränderungen. Werden Gespräche vermieden? Wirkt jemand „abwesend“? Ist jemand reizbar?
- Schritt 2 Sprechen
Kontakt anbieten ist wichtig. Das kann verschieden aussehen. Manchmal reicht es bereits zu signalisieren, dass man bemerkt hat, dass es dem anderen nicht gut geht. Oder man lädt zu einem Gespräch ein: „Ich nehme wahr, dass du in letzter Zeit sehr still bist. Wie geht es dir mit all dem, was gerade passiert?“ Dass man oftmals mit der Aufforderung zu kleinen körperlichen Aktionen Positives für Betroffene bewirken kann, zeige ich weiter unten.
- Schritt 3 Netzwerken
Wir begleiten, solange wir uns dabei wohlfühlen. Ansonsten dürfen wir auch an „Netzwerke“ verweisen. Wir können einzelnen zuhören, Gefühle anerkennen. Wenn wir merken, dass wir uns unwohl und überfordert fühlen, können wir an professionelle Stellen verweisen.
Für die Ersthelfer-Profis unter euch: Seht diese Kette nicht als starres Protokoll, sondern als emotionales Geländer. Wir bieten kein Coaching oder eine Therapie an. Unsere Strategie ist Hinschauen, Sprechen, Netzwerken. Das gibt uns auch in chaotischen, schwierigen Momenten Ruhe.
Für die Neulinge: Ihr müsst nicht wissen, wie man ein Gefühlschaos in den Griff bekommt. Es reicht, Schritt 1 und 2 zu beherrschen. Der Rest findet sich.
Was wir jetzt konkret tun können (Themen für den Alltag)
Wenn du merkst, dass die Weltlage jemanden lähmt, sind hier drei Punkte, die du unbedingt ansprechen solltest:
Selbstfürsorge als Pflicht, nicht als Luxus:
Wer helfen will, muss selbst stabil sein. Es ist okay, die Nachrichten auszuschalten. Es ist kein Verrat an den Opfern der Welt, wenn es einem selbst gut geht.
Wer sich über soziale Medien informieren möchte, sollte sich bewusst eine Zeitgrenze setzen – zum Beispiel mit einem simplen Timer. Der Grund dafür liegt in der Psychologie: Social-Media-Plattformen sind darauf ausgelegt, den Nutzer möglichst lange zu binden. Endlose Feeds, Benachrichtigungen und algorithmisch aufbereitete Inhalte sorgen dafür, dass das Scrollen oft unbewusst und unkontrolliert geschieht. Ein Timer durchbricht diesen Mechanismus, indem er dem Gehirn das Gefühl von Handlungskontrolle zurückgibt. Wir sprechen vom sogenannten Sense of Agency, also dem Erleben, der eigene Urheber einer Handlung zu sein und nicht von äußeren Reizen gesteuert zu werden. Dieses Gefühl der Selbstwirksamkeit reduziert nachweislich Stress und fördert einen bewussteren Umgang mit digitalen Medien. Wer weiß, dass der Timer in zehn Minuten klingelt, konsumiert aktiver und zielgerichteter und verliert sich nicht im passiven Scrollen.
Wer nach intensivem Nachrichtenkonsum innerlich aufgewühlt ist, kann mit einfachen körperlichen Mitteln gegensteuern. Bewusste Atmung, langsame Bewegungen, gezielte Körperwahrnehmung oder das bewusste Lenken der Aufmerksamkeit – all das kann helfen, das Nervensystem aus dem Alarmzustand zu holen. Ein konkretes Beispiel: den Kopf langsam und bewusst von links nach rechts drehen und dabei den Nacken wahrnehmen. Was simpel klingt, folgt einem tieferen Prinzip – in der Traumatherapie als Orienting Response bekannt: die natürliche Orientierungsreaktion des Nervensystems, die signalisiert, dass die Umgebung sicher ist. Das bewusste Zuwenden zur eigenen Körperlichkeit, ob durch Atem, Bewegung oder Wahrnehmung, erinnert Gehirn und Körper daran, dass kein unmittelbares Handeln erforderlich ist. Kleine Gesten mit potenziell großer Wirkung.
Vom „Warum“ zum „Wie“:
Auf die Frage „Warum passiert das alles?“ haben wir keine Antwort. Aber wir können unser Gegenüber fragen: „Wie gehst du heute damit um? Was hilft dir, dich für fünf Minuten sicher zu fühlen?“ Und dann auf diese kleinen körperlichen Übungen verweisen, die nachweislich Stress reduzieren.
Gemeinschaft gegen die Ohnmacht:
Das Gefühl der Machtlosigkeit ist einer der größten Nährböden für innere Lähmung und emotionale Erschöpfung. Wer täglich mit schweren Nachrichten konfrontiert wird, kann leicht in einen Zustand der Handlungsunfähigkeit geraten – das Gefühl, dass die Welt um einen herum außer Kontrolle gerät und die eigene Stimme nichts zählt. Kleine, handfeste Taten holen uns genau aus dieser Starre heraus und zurück in die Selbstwirksamkeit. Und das müssen keine großen Gesten sein: ein bewusstes Gespräch beim Kaffee, ein Anruf bei einem Freund, ein konkreter Handgriff im Alltag. Solche Momente erinnern uns daran, dass wir nicht ausgeliefert sind – sondern handlungsfähig.
Eine schöne Übung, die sich besonders auch mit Kindern machen lässt, ist das sogenannte „Schüttelmonster„. Tiere in der Wildnis zittern nach einer Bedrohung instinktiv am ganzen Körper, um die Anspannung zu entladen. Wir Menschen haben diese natürliche Reaktion oft verlernt. Beim Schüttelmonster wird sie bewusst wiederbelebt: Arme, Beine und der gesamte Oberkörper werden kräftig ausgeschüttelt, der Körper darf zittern und wackeln, so viel er möchte. Was dabei aussieht wie ausgelassenes Herumalbern, ist in Wirklichkeit gezielte Stressregulation – und gerade für Kinder, die belastende Nachrichten oft noch ungefiltert aufnehmen, ein niedrigschwelliger und spielerischer Weg, um wieder in die eigene Mitte zu finden.
Wo braucht ihr Unterstützung von uns?
Wir als HSN wissen, dass diese Zeit auch an euch zehrt. Ersthelfer sind keine Maschinen.
Braucht ihr spezifischere Tools für Krisengespräche?
Wünscht ihr euch mehr Austauschformate, um das Erlebte zu reflektieren?
Fehlen euch Infomaterialien, die ihr direkt weitergeben könnt?
Niemand muss diese Last allein tragen. Nicht die Betroffenen, und erst recht nicht ihr.
Fazit: Emotionale Erschöpfung beginnt mit dem Mut, die Stille zu brechen. Ein „Ich sehe dich“ ist oft der erste Schritt aus der Dunkelheit.
Danke, dass ihr hinschaut, wo andere wegsehen.
Herzlichst,
Dein HSN-Team
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