Anknüpfend an den wunderbaren Artikel meiner Kollegin, der den Umgang mit solchen Situationen in den Fokus stellt, möchte ich noch einmal die Entwicklung einer eigenen Haltung zum Ablehnen von Hilfe in den Blick nehmen.

Wenn man als junge Psychologin* oder Psychologe* mit der therapeutischen Arbeit anfängt, bewegt man sich scheinbar qua Naturgesetz je nach Tagesform zwischen zwei Extremen: Einerseits massiven Selbstzweifeln und Inkompetenzerleben (verbunden mit viel Mitgefühl für die Patient:innen, die ausgerechnet einen selbst und nicht eine erfahrene Person als Therapeut:in bekommen haben) und andererseits dem naiven Grandiositätsgefühl, jetzt all diesen Menschen Rat und Tat zur Seite stehen zu können. Was für ein Glück diese Patient:innen doch haben, sich nun endlich nach langer Leidensgeschichte von mir helfen lassen zu können!

In der klinischen Realität knallt man dann sehr schnell auf den Boden der Tatsachen: Die allermeisten Menschen haben überraschenderweise nicht sehnlichst auf den:die Retter:in gewartet, um sich endlich helfen zu lassen. Noch schlimmer: Manche Menschen, wie z.B. bei Essstörungen häufig, finden noch nicht einmal, dass sie überhaupt Hilfe brauchen. Zu schade für den Psycholog:innen-Selbstwert! Im klinischen Sprachgebrauch, in den Teambesprechungen und Dokumentationen gibt es dann viele verschiedene Ausdrücke, wenn sich jemand nicht helfen lassen möchte oder kann: „Therapeutischer Widerstand“, „keine Compliance“, „Non-Adhärenz“ oder auch „Für den gilt mal wieder: wasch mich, aber mach mich nicht nass“. 

Was viele Menschen im pädagogischen, medizinischen oder therapeutischen Bereich kennen, erleben aber auch viele Nicht-Fachpersonen in ihrem Alltag: Die Mutter, die hilflos miterleben muss, wie ihre Tochter im Rahmen einer Essstörung immer mehr abnimmt und keine Hilfe annehmen will. Die gute Freundin, die immer wieder ihre Sorgen um die Freundin anspricht und trotzdem nur ein Abwinken und ein „es ist alles gut“ als Antwort bekommt. Der Chef, der irgendwie ahnt, dass es bei seinem Mitarbeiter nicht nur bei dem „einen Glas zum Feierabend“ bleibt und dem doch irgendwie die Hände gebunden sind, wenn der Mitarbeiter jedes Gesprächsangebot ablehnt.

Das alles sind Situationen, in denen deutlich wird, dass für den Akt des Helfens nicht nur jemand gebraucht wird, der:die hinschaut und Hilfe anbietet, sondern auch eine Person, die diese Hilfe annimmt. Anders funktioniert es nicht. Erzwungenes Hilfeleisten (wie z.B. bei einer Unterbringung in einer Klinik gegen den Willen eines:einer Betroffenen, die „Zwangseinweisung“) ist aus gutem Grund an hohe rechtliche Hürden geknüpft. Das Bundesverfassungsgericht schreibt dazu:

Die Freiheit der Person ist ein so hohes Rechtsgut, dass sie nur aus besonders gewichtigem Grund angetastet werden darf“.  

Eine eigene Haltung finden – Der Blick auf mich 

So gern ich ihn hätte – aber den perfekten Trick, um jemanden dazu zu bringen, Hilfe anzunehmen, gibt es leider nicht. Was aber immer geht, ist uns selbst in unserer helfenden Rolle zu reflektieren. Ein Innehalten in dem, was da alles in uns los ist: Hilflosigkeit, Ohnmacht, Angst („Was ist, wenn es ihr immer schlechter geht und es irgendwann zu spät ist?“), Ärger („Warum zur Hölle will er keine Hilfe annehmen?!“), Scham („Was denken wohl die anderen Eltern, dass ich einfach nicht an mein Kind herankomme?“), Schuld („Hätte ich nur früher was gemacht“) und was da sonst noch alles spürbar wird.

Mir scheint es sehr wichtig, dass all diese Gefühle eine Berechtigung haben und wichtig sind. Manchen Menschen fällt es am leichtesten, diesen Empfindungen nur mit sich selbst oder im kleinen Kreis Ausdruck zu verleihen, für andere sind Selbsthilfegruppen für Angehörige oder Trialog-Treffen sehr wertvolle Orte (Anmerkung: Ein Trialog ist ein gleichberechtigter Erfahrungsaustausch zwischen drei Perspektiven: Betroffenen, deren Angehörigen und professionellen Fachkräften, z.B. Ärzt:innen, Therapeut:innen, Pflegepersonal).  

Daraus kann dann auch die Frage erwachsen, was es eigentlich für uns selbst bedeutet, anderen zu helfen. Wie viel Verantwortung schreiben wir uns zu – und warum? Es steht wohl außer Frage, dass die Sorge um nahe Personen meist im Vordergrund steht, aber oft spielen auch unsere ganz eigenen Muster eine Rolle. Wie gut kann ich selbst eigentlich Hilflosigkeit aushalten? Hatte ich in meinem Leben schon oft die Rolle des:der Helfenden? Woran erinnert mich das in meiner Geschichte? Bei wem bei diesen Fragen etwas anklingt, dem sei das Buch „Das Drama des begabten Kindes“ von Alice Miller zur Vertiefung empfohlen.  

Eine eigene Haltung finden – Der Blick auf den:die Andere:n 

Neben der Reflexion unseres eigenen Hilfeverhaltens spielt aber auch die Frage eine Rolle, wie wir auf unser Gegenüber schauen. Wie viel Verantwortung trauen wir ihm:ihr eigentlich zu? Da sich, wie bereits oben beschrieben, die klinisch-therapeutische Arbeit ständig im Spannungsfeld zwischen Hilfe annehmen und Hilfe ablehnen bewegt, haben sich dazu über die Zeit hinweg notwendigerweise eine Vielzahl an Ansätzen entwickelt.

Besonders bekannt ist die Motivierende Gesprächsführung (Motivitional Interviewing) nach Miller & Rollnick, die aus der Arbeit mit suchterkrankten Menschen entstanden ist – einer Gruppe von Menschen, die störungsbedingt ganz besonders stark hin- und hergerissen ist zwischen dem Weitermachen und dem Hilfeannehmen. Die Motivierende Gesprächsführung baut auf einer Grundhaltung auf, die davon ausgeht, dass es bei jeder:jedem Süchtigen gute Gründe für und gegen den Konsum sowie Vorteile und Nachteile einer Veränderung des Konsumverhaltens gibt. Das Stichwort dazu ist Ambivalenz.

Die Motivierende Gesprächsführung zielt langfristig darauf ab, eine Veränderungsbereitschaft aufzubauen, aber die grundlegende Haltung ist erst einmal, dass es durchaus nachvollziehbar ist, sich vielleicht nicht verändern zu wollen, also: keine Hilfe anzunehmen, sich nicht in Therapie zu begeben, den Konsum nicht zu verändern etc. Ich persönlich finde das eine wichtige Perspektive, denn als Angehörige oder Außenstehende fällt es uns oft sehr schwer nachzuvollziehen, warum jemand keine Hilfe annehmen möchte. Aber diese Ambivalenz im Anderen zu sehen und zu respektieren, kann uns manchmal ein tieferes Verständnis für unser Gegenüber ermöglichen.

Zum Beispiel, dass sich Hilfe-Annehmen für den einen anfühlen kann wie Scheitern. Oder wie ein Schuldeingeständnis, das das eigene Selbstbild massiv angreifen würde. Oder dass ein Symptom gerade der bestmögliche Kompromiss ist, der für die aktuelle Situation möglich ist, so abwegig uns das auch scheinen mag.

Das bedeutet zugleich ein gewisses Vertrauen darauf, dass jeder Mensch auch etwas Gesundes in sich trägt. In der Arbeit als Psychologin liegt der Fokus leider oft auf den Defiziten, also auf dem, was die Patient:innen (noch) nicht können, welche Symptome sie haben, was ihren Alltag belastet. Genauso wichtig scheint mir aber auch das Wertschätzen der gesunden Anteile, der Ressourcen und der Kräfte, die in uns stecken.

Es kann lohnend sein, sich auch der Frage zu stellen, ob ich meinem Gegenüber solche Kräfte zutraue, auch wenn ich sie gerade nicht zu sehen scheine und meine Hilfe abgelehnt wird. Manchmal kann das die Basis dafür sein, dass es doch möglich wird, Hilfe anzunehmen. Oder um es mit den Worten des bekannten Psychotherapeuten Carl Rogers zu sagen:

„Das merkwürdige Paradox im Leben ist: Erst wenn ich mich akzeptiere, wie ich bin, kann ich mich verändern“. 


Bücherempfehlungen: 

„Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst“ von Alice Miller, 1983 

„Aufopfern ist keine Lösung. Mut zu mehr Gelassenheit für Eltern psychisch erkrankter Kinder und Erwachsener“ von Janine Berg-Peer, 2015