Wie die HSN-Handlungskette im Alltag wirkt
Über ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland berichtete 2024 von einem niedrigen psychischen Wohlbefinden – bei jungen Erwachsenen sind es sogar fast 40 Prozent (Robert-Koch-Institut, 2025). Hinter diesen Zahlen stecken Menschen, die uns nahestehen: die Freundin, die sich immer mehr zurückzieht; der Kollege, der in der Pause verstummt; die Jugendliche in der Gruppe, deren Begeisterung plötzlich nachlässt.
Viele von uns spüren, dass etwas nicht stimmt, aber wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Gleichzeitig suchen sich Betroffene oft keine Hilfe – aus Scham, Unwissen oder weil es an Anlaufstellen fehlt. Umso wichtiger ist es, dass Menschen im Umfeld wissen, was sie bei seelischer Not tun können, ohne sich selbst zu überfordern.
Genau hier setzt unser Projekt „Helfen in seelischer Not“ an. Der HSN-Kurs vermittelt in nur zwei Stunden einfache, aber wirksame Handlungsschritte, die jede:r im Alltag anwenden kann – wissenschaftlich fundiert, entwickelt an der Universität Regensburg zusammen mit Fachleuten aus Psychologie und Seelsorge, und trotzdem so praxisnah, dass man das Gelernte sofort umsetzen kann.
Das Herzstück des Kurses ist unsere Handlungskette: drei aufeinander aufbauende Schritte, die Orientierung geben, wenn jemand in unserem Umfeld in eine seelische Krise gerät.
Schritt 1: Hinschauen – Emotionen wahrnehmen und erkennen
Der erste Schritt klingt einfach, ist aber oft der schwierigste: genau hinschauen. Woran erkenne ich überhaupt, dass jemand in seelischer Not ist? Was können Warnsignale sein – vielleicht Rückzug, plötzliche Stille, Reizbarkeit oder der Verlust von Interessen?
Im Kurs lernen Teilnehmende, solche Signale bei anderen sensibel wahrzunehmen. Genauso wichtig ist aber auch der Blick auf sich selbst: Wie fühle ich mich in dieser Situation? Kann ich gerade helfen, oder bin ich selbst an meiner Grenze? Denn wer auf die eigenen Grenzen achtet, kann nachhaltiger für andere da sein.
Praxisbeispiel
In einer Jugendgruppe erkannte eine Leiter:in nach der HSN-Schulung die schleichende Veränderung bei einem Teilnehmenden – Rückzug, Schweigen, nachlassende Begeisterung. Weil sie gelernt hatte hinzuschauen, konnte sie die Situation ansprechen und den Jugendlichen ermutigen, sich Unterstützung zu suchen.
Schritt 2: Sprechen – Zuhören und in Kontakt treten
Wenn wir erkannt haben, dass jemand Hilfe brauchen könnte, kommt der zweite Schritt: das Gespräch. Doch was sagt man, wenn einem die Worte fehlen? Der HSN-Kurs vermittelt, wie man ein entlastendes Gespräch beginnt, wie aktives Zuhören funktioniert und wie wertschätzende, offene Fragen Vertrauen schaffen können.
Dabei geht es nicht darum, Lösungen parat zu haben oder therapeutisch tätig zu werden. Manchmal reicht es schon, einfach da zu sein und zuzuhören. Ein offenes Ohr kann in einer Krise mehr bewirken, als wir oft denken.
Praxisbeispiel
Eine Mitarbeiterin eines Gemeindeprojekts sprach nach einer HSN-Schulung eine alleinerziehende Mutter an, die zunehmend überfordert wirkte. Durch gezielte Fragen konnte sie der Mutter helfen, ihre Gefühle einzuordnen und passende Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.
Schritt 3: Netzwerken – Grenzen kennen und weitervermitteln
Der dritte Schritt ist vielleicht der entlastendste: Wir müssen als Ersthelfer:innen nicht alles allein tragen. Im Kurs lernen Teilnehmende, wann professionelle Hilfe notwendig ist und wie man den Kontakt zu Beratungsstellen, Seelsorge oder Notfallnummern herstellt.
Helfen heißt nicht, die ganze Verantwortung zu übernehmen – sondern die erste Tür zu öffnen und die betroffene Person an die richtige Stelle weiterzuvermitteln. Zum Ende der Schulung erhalten alle Teilnehmenden wichtige Netzwerknummern, damit sie diese bei seelischen Notfällen parat haben.
Praxisbeispiel
Eine Kollegin verwies nach der HSN-Schulung einem Kollegen mit anhaltender Niedergeschlagenheit an eine psychologische Beratungsstelle. Dank des Netzwerks konnte schnell geholfen werden.
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