Suizidalität – ein schweres, bedrückendes Thema. Ein Thema, über das man nicht gerne spricht, dabei ist genau das so wichtig. Besonders dann, wenn wir bei einer befreundeten Person, einem Familienmitglied oder einer Arbeitskollegin bzw. einem Arbeitskollegen den Eindruck haben, dass es ihr oder ihm möglicherweise nicht gut geht, wissen wir oft nicht: Soll ich das Thema ansprechen? Und wenn ja, wie? Was, wenn ich dadurch alles schlimmer mache oder die Situation falsch einschätze?
Am 10. September findet jährlich der Welttag der Suizidprävention statt. Diesen Monat möchten wir uns deshalb genau diesem Thema widmen: Wie können wir gemeinsam hinschauen, ins Gespräch kommen und Menschen in Krisen unterstützen?
Dass dabei Unsicherheit entsteht, ist völlig normal. Gerade weil Suizidalität noch immer mit vielen Tabus verbunden ist, kursieren zahlreiche Mythen und falsche Vorstellungen darüber, wie man sich in einer solchen Situation verhalten sollte. Im Folgenden haben wir deshalb einige gängige Mythen über Suizidalität zusammengestellt und möchten zeigen, was tatsächlich dahintersteckt. Denn Wissen kann Sicherheit schaffen – und Sicherheit kann dabei helfen, im entscheidenden Moment nicht wegzusehen, sondern hinzuschauen, zu sprechen und Unterstützung zu ermöglichen.
Über Suizid zu sprechen, kann ein wichtiger Schritt sein
„Wer über Suizid spricht, der macht es nicht und wer es wirklich tun würde, spricht nicht darüber!“ Dies hält sich bis heute als hartnäckiger aber dennoch falscher Mythos. Das direkte oder indirekte Sprechen über Suizid wird daher manchmal als bloße Suche nach Aufmerksamkeit oder als etwas abgetan, das „nur so dahingesagt“ wurde. Tatsächlich zeigt die Forschung jedoch, dass ein erheblicher Anteil der Menschen, die später durch Suizid sterben, zuvor ihre Suizidgedanken oder -absichten kommuniziert hat. In einer Analyse von 36 Studien waren es rund 45 % der untersuchten Fälle (Pompili et al., 2016). Dabei kann die Kommunikation sowohl direkt als auch indirekt („Das macht doch alles keinen Sinn mehr“ oder „Es ist ohnehin bald vorbei“) erfolgen.
Generell gilt: Lieber einmal zu viel nachfragen als einmal zu wenig.
Denn wenn tatsächlich keine Suizidgedanken dahinterstehen, wird sich das im Gespräch zeigen. Und wenn doch, haben wir einen wichtigen Moment genutzt, um die Person nicht allein zu lassen und Unterstützung anzubieten.
Suizidalität direkt anzusprechen, kann entlasten!
Auch die Angst, durch das Ansprechen von Suizidalität jemanden erst auf diesen Gedanken zu bringen, scheint auf den ersten Blick ein durchaus nachvollziehbarer Gedanke zu sein: Soll ich dieses Fass wirklich aufmachen? Womöglich mache ich dadurch alles nur noch schlimmer!
Tatsächlich ist es aber so, dass eine direkte Frage nach Suizidgedanken nicht dazu führt, dass ein Mensch dadurch erst suizidal wird. Suizidgedanken entstehen nicht, weil jemand sie anspricht, sondern können sich im Zusammenhang mit unterschiedlichen Belastungen und individuellen Faktoren entwickeln.
Eine ruhige und direkte Frage wie „Denkst du gerade daran, dir das Leben zu nehmen?“ zeigt der betroffenen Person, dass man sich ernsthaft Sorgen macht und bereit ist, zuzuhören. Sie kann außerdem dabei helfen, dass die Person ihre Gedanken und Gefühle offen ansprechen kann. Dabei muss eine solche Frage keineswegs perfekt formuliert sein. Es geht nicht um die „richtige“ oder „falsche“ Formulierung. Entscheidend ist vielmehr, der eigenen Sorge nachzugehen und das Thema nicht aus Angst zu vermeiden.
Auch in einer suizidalen Krise kann ich etwas bewirken!
Oftmals weckt das Thema Suizidalität bei Ersthelfenden ein Gefühl der Hilflosigkeit und die Befürchtung, ohnehin nichts mehr ausrichten zu können. Dies ist allerdings falsch, denn suizidale Krisen sind häufig von Ambivalenz und innerer Unsicherheit geprägt. Betroffene können gleichzeitig das Gefühl haben, nicht mehr weiterleben zu wollen, und sich dennoch nach Entlastung, Nähe oder Unterstützung sehnen. Ein offenes Gespräch kann genau das bieten. Dabei geht es allerdings nicht darum, die Person mit rationalen Argumenten vom Leben zu überzeugen oder ihre Gefühle „wegzureden“. Viel wichtiger ist es, anzunehmen, wie sich die Person im Moment fühlt, zuzuhören und zu versuchen, sie zu verstehen.
Gerade bei Suizidalität gilt jedoch: Als Ersthelfer:in sollte man die Situation niemals alleine tragen oder zum:r „Geheimnisträger:in“ werden.
Stattdessen ist es wichtig, weitere Personen und Unterstützungsangebote einzubeziehen. Das kann beispielsweise mit einer einfachen Frage beginnen: „Gibt es jemanden, mit dem du darüber noch sprechen kannst?“
Auch nach dem ersten Gespräch kann es hilfreich sein, den Kontakt aufrechtzuerhalten und der Person zu signalisieren: „Meine Tür steht dir offen.“ Ein solches Angebot kann vermitteln, dass sie mit ihren Gedanken nicht allein ist und sich jederzeit wieder melden darf.
Als Ersthelfer:in muss ich nicht alles „perfekt“ machen
Bei einem so ernsten Thema wie Suizidgedanken ist auch diese Angst, als Ersthelfende absolut nachvollziehbar. Als Ersthelfer:inüberschätzt man jedoch schnell die Bedeutung der „perfekten Formulierung“. Es braucht keine spezielle Ausbildung oder tiefgehendes Fachwissen, um einem Menschen in einer suizidalen Krise beizustehen. Viel wichtiger ist es, aufmerksam, interessiert und wertschätzend zuzuhören.
Dass wir dabei möglicherweise mehr richtig machen, als wir denken, zeigt auch eine Studie von Owens et al. (2019). Die Forschenden untersuchten 50 Situationen, in denen zufällig anwesende Personen bei einer anderen Person in einer akuten Suizidsituation intervenierten. Die Helfenden verfügten über keine speziellen fachlichen Kenntnisse oder Fähigkeiten und schafften es dennoch, Kontakt herzustellen, Sicherheit zu schaffen und weitere Hilfe zu organisieren. Die Forschenden kamen dabei zu einem wichtigen Ergebnis: Nicht die perfekten Worte waren entscheidend, sondern die Art und Weise, wie die Helfenden der betroffenen Person begegneten. Ruhe, Authentizität, Mitgefühl und das Gefühl, gesehen und ernst genommen zu werden, spielten eine zentrale Rolle.
Es geht also nicht darum, alles perfekt zu machen. Wichtig ist vor allem, überhaupt etwas zu tun und nicht wegzusehen. Und auch wenn wir nicht immer die richtigen Worte finden: Eine ehrliche Aussage wie „Ich weiß gerade nicht genau, was ich sagen soll, aber ich mache mir Sorgen um dich“ kann ein wichtiger erster Schritt sein.
Mehr erfahren und im Gespräch bleiben
Wer sich noch intensiver mit dem Thema Suizidalität und Suizidprävention beschäftigen möchte, findet bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention DGS (Lewitzka, 2026) fundierte Informationen und weiterführende Materialien.
Auch unsere kommende kostenlose Online-Vortragsreihe „Perspektiven psychischer Krisen“ bietet die Möglichkeit, verschiedene Facetten psychischer Krisen näher kennenzulernen. In zwei der Veranstaltungen stehen Suizidalität und Suizidprävention im Mittelpunkt: Christin Grevenhaus und Prof. Peter Kreuzer geben dabei Einblicke in ihre jeweiligen Themenbereiche und zeigen, wie wir psychische Krisen besser verstehen und ihnen begegnen können.
Die Vortragsreihe geht dabei noch über das Thema Suizidalität hinaus: Einmal wöchentlich widmet sich jeweils eine Expertin oder ein Experte einem anderen aktuellen Thema, unter anderem Notfallseelsorge, Künstlicher Intelligenz, der Rolle des Internets und Sexualität.
📅 08.10.–12.11.2026 | Donnerstags | 18:00–20:00 Uhr | online & kostenlos
Das vollständige Programm mit allen Terminen, Referierenden und Informationen zur Anmeldung finden Sie hier.
Literaturverzeichnis
Lewitzka, Prof. Dr. med. U. (2026). Suizidalität. Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention e.V. https://www.dgs-suizidpraevention.de/suizidalitaet/
Owens, C., Derges, J., & Abraham, C. (2019). Intervening to prevent a suicide in a public place: A qualitative study of effective interventions by lay people. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2019-032319
Pompili, M., Belvederi Murri, M., Patti, S., Innamorati, M., Lester, D., Girardi, P., & Amore, M. (2016). The communication of suicidal intentions: A meta-analysis. Psychological Medicine, 46(11), 2239–2253. https://doi.org/10.1017/S0033291716000696
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