Vom Schatten, den die Gemeinschaft wirft
Einsamkeit beginnt nicht im Außen. Einsamkeit kommt aus dem Innen.
Reicht einfaches Hinschauen und Sprechen? Und was bedeutet in diesem Zusammenhang eigentlich Netzwerken? Wenn wir Wege aus der Isolation suchen, liefert das HSN-Modell wertvolle Ansätze.
H – Hinschauen: Einsamkeit im Sommer erkennen
Kennst du das? Du sitzt mit einer Gruppe von Freunden im Café und einer davon schaut verträumt durch die Gegend, beteiligt sich kaum am Gespräch. Manchmal sagt die Person, sie sei einsam. Aber dabei ist sie doch mittendrin.
Gerade der jetzt beginnende Sommer steht für Leichtigkeit, für gemeinsames Feiern und Tätigkeiten unter freiem Himmel. Man geht gemeinsam ins Schwimmbad oder verabredet sich auf einen Kaffee im Parkcafé. Wenn andere das Leben in vollen Zügen genießen, fühlen sich manche gerade dann ausgeschlossen.
Der Sommer ist neben aller Leichtigkeit auch eine Zeit für Krisen. Gerade wenn man als besonders still gilt, fällt es im Trubel nicht auf, wenn man sich etwas von der Gruppe entfernt, sich irgendwo eine abseits gelegene Bank sucht oder sich ans nahe Ufer zurückzieht. Manchmal ist das einfach nur gesunde Selbstfürsorge, weil die Batterien leer sind und man mal kurz durchatmen muss, bevor man sich wieder auf die anderen einlässt. Manchmal zeigt genau dieses Verhalten jedoch die innere Not. Während andere Gemeinschaft erleben, wird die eigene Isolation schmerzhafter. (Bei HSN sprechen wir von stillen Krisen.)
Reicht es, hinzuschauen und zu sprechen, um Einsamkeit zu durchbrechen?
Von außen lässt sich das oft nur schwer einschätzen. Einsamkeit im Sommer ist wie ein Schatten, der länger wird. Er trifft vor allem Menschen, die sowieso kämpfen – zum Beispiel aufgrund einer Erkrankung. Ob es Depressionen sind oder auf körperlicher Ebene: Für keinen von uns ist das der normale Alltag. Das Umfeld zieht sich in solchen Situationen oft zurück. Meist nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Angst und Überforderung. Dabei ist Einsamkeit ein universelles Gefühl, das jeden von uns treffen kann.
Dieses Gefühl der Einsamkeit ist nicht so sehr das bloße Bedürfnis nach Menschen, sondern danach, wirklich gesehen und wahrgenommen zu werden. Es gibt viele Menschen, die sich selbst infrage stellen und im anderen einen Spiegel suchen; die Bestätigung, dass mit ihnen alles in Ordnung ist. Umso härter trifft es einen, wenn der eigene Zweifel verstärkt wird, wenn es von der Umgebung heißt: „Du übertreibst – stell dich nicht so an – andere haben es schwerer.“
S – Sprechen: Der erste Schritt, um Einsamkeit zu überwinden
Manchmal ist der erste Schritt gegen die Einsamkeit eine einfache Erkenntnis: Du bist nicht allein mit diesem Gefühl. Das Gefühl der Einsamkeit entsteht nicht zwingend durch einen Mangel an Kontakten, sondern durch die gefühlte Unfähigkeit, sich mit dem Gegenüber tief zu verbinden. Das Bedürfnis zu reden ist die Einladung, meine Welt kennenzulernen und zu erfahren, wie ich sie wahrnehme. Darum versteckt sich hinter dem „Sprechen“ nicht so sehr die Aufforderung, sofort Lösungen zu finden, sondern eher, Raum für den anderen zu schaffen, damit er seine Sorgen sichtbar machen kann.
Gerade wer einen schweren Schicksalsschlag erlebt – wie eine Erkrankung, einen Todesfall oder den Verlust eines Jobs –, geht plötzlich und unerwartet einen Weg außerhalb der Erfahrungswelt von Familie, Freunden und der gewohnten Umgebung. Darum fühlt man sich schrecklich allein, wie aus der Welt gefallen. Wenn wir uns das als Mitmenschen klarmachen, ist es oft gar nicht so schwer, in solchen Momenten Unterstützung zu geben. Meist kennt die betroffene Person selbst ihre Bedürfnisse noch nicht, weil sie in einer ganz neuen Situation ist und ihr die Erfahrung fehlt, was ihr helfen könnte. Aber einfach Optionen anzubieten kann schon viel bewirken.
Nicht ausgrenzen, weil man davon ausgeht, der andere habe keine Kraft oder zu viele Schmerzen, sondern aktiv nachfragen: „Möchtest du dabei sein? Wie können wir es für dich möglich machen, dass du dabei bist?“
N – Netzwerken: Gemeinsam Wege aus der Isolation finden
Wir sind gesellige Wesen. Das gilt für alle. Für die Person mit einer sozialen Phobie ebenso wie für Menschen im Autismusspektrum. Aber Gesellschaft bedeutet eben nicht für jeden Menschen das Gewohnte. Wer unter chronischen Schmerzen leidet oder mit einer Depression lebt, existiert temporär in einer anderen Welt. Die Person braucht eine andere Art von Miteinander.
Kleine Netze knüpfen reicht oft schon
Wenn wir bei HSN davon sprechen, dass Netzwerke für Menschen wichtig sind, meinen wir damit nicht nur den Krisendienst, den:die Therapeut:in oder die Klinik. Netzwerken bedeutet, sich bewusst mit anderen zu verbinden – oft in kleinen Schritten, vielleicht auch erst einmal nur digital. Es geht darum, Anknüpfungspunkte für eine gemeinsame Erlebniswelt zu finden.
Egal wie viel Empathie und Vorstellungsvermögen ich besitze: Ich werde nie ganz nachvollziehen können, wie es jemandem geht, der eine Chemotherapie über sich ergehen lassen muss, oder was es heißt, Panikattacken zu durchleben. Aber trotzdem kann ich eine gemeinsame Basis finden und der Person signalisieren, dass sie an dieser Stelle noch immer dazugehört.
Gerade als Ersthelfer:innen ist es nicht unsere Aufgabe, eine Krise im Alleingang zu lösen oder gar zu heilen. Aber wir können die Einsamkeit lindern. Manchmal ist das so einfach wie die Empfehlung eines guten Selbsthilfe-Buches. Auch das kann ein erster Schritt in ein stützendes Netzwerk sein. Wenn Menschen über ihre eigenen Erfahrungen mit Depressionen berichten, können andere Betroffene sich darin wiederfinden. Die Erkenntnis, dass es auch anderen so geht, ist oft der erste Schritt zurück in die Gemeinschaft. Wir können nur die Hand anbieten – der Anfang eines tragfähigen Netzes wird es dann, wenn der andere sie ergreift.
Einsamkeit beginnt im Innen – aber der Weg hinaus führt über das Miteinander.
Hinschauen, Sprechen, Netzwerken – drei Schritte, die einfach klingen. Und die es auch sind. Nicht weil sie uns immer leichtfallen, sondern weil sie keinen akademischen Abschluss und kein tiefes Fachwissen voraussetzen. Sondern nur die reine Bereitschaft, sich auf einen anderen Menschen einzulassen.
Psychische Erste Hilfe leisten: Die HSN-Kurse
Genau das üben wir in den HSN-Kursen. Als Ersthelfer:in für psychische Erste Hilfe lernst du in zwei Stunden, die leisen Zeichen zu lesen, ein Gespräch zu eröffnen und echte Verbindung zu schaffen – für andere und manchmal auch für sich selbst.
Denn am Ende ist es vielleicht das einfachste Netz, das am meisten trägt: Ein Mensch, der hinschaut. Einer, der fragt. Und einer, der bleibt.
Report
Block Member?
Please confirm you want to block this member.
You will no longer be able to:
- See blocked member's posts
- Mention this member in posts
- Invite this member to groups
- Message this member
Please allow a few minutes for this process to complete.
