„Da kann ich mir ja gleich die Kugel geben.“ Diesen Satz hört man häufig, im Büro nach einem schwierigen Meeting, unter Studierenden vor einer Prüfung, am Familientisch nach einem langen, anstrengenden Tag. Dass er wie ein Scherz klingt, macht ihn so tückisch. Wer ihn ernst meint, wird es kaum erleben, dass jemand aufmerksam wird. Niemand fragt bei einem vermeintlichen Witz nach. Denn wer nachfragt, riskiert die Antwort: „War doch nur ein Spaß.“
Wir bringen dieses Beispiel in HSN-Kursen, Helfen in seelischer Not, immer wieder, weil genau hier eines der Probleme sichtbar wird. Die Sprache, mit der wir über Suizid reden, ist oft so beiläufig, dass echte Not darin verschwindet. Was also sollte man tun, wenn jemand aus dem Freundes- oder Familienkreis so einen Satz sagt? Ignorieren? Wird schon nicht so schlimm sein? Oder ernst nehmen und nachfragen, auch auf die Gefahr hin, dass es wirklich nur ein Scherz war?
Die Unsicherheit ist Programm, dabei werden wir alle früher oder später mit dem Thema konfrontiert. Kein Kurs, in dem nicht jemand sitzt, der mit dem Thema auf die eine oder andere Weise im Alltag in Berührung gekommen ist, berichten unsere Kolleg:innen unisono. Darum ist uns Aufklärung wichtig.
Hier also erste Fakten über das Thema zu Beginn des Monats der Suizidprävention.
Kein Todeswunsch, sondern eine Notbremse
Wer über Suizid redet, will meistens gar nicht sterben. Fakt oder Irrtum?
Um das zu klären, muss man erst einmal verstehen, wie es zu solchen Gedanken kommt. Der amerikanische Suizidforscher Edwin Shneidman hat dafür den Begriff „Psychache“ geprägt: ein seelischer Schmerz, der so unerträglich wird, dass er das ganze Denken einengt. Scham, Schuld, das Gefühl, versagt zu haben, daraus resultierende tiefe Einsamkeit können diesen Schmerz auslösen. Der Suizid erscheint den Betroffenen dann nicht als Wunsch, sondern als letzter denkbarer Ausweg aus einem Zustand, der sich scheinbar nicht mehr anders beenden lässt. (Quelle: Shneidman, E. [1993]. Suicide as Psychache. Journal of Nervous and Mental Disease, 181[3], 145–147.)
Wie in einer Spirale verdunkeln sich die Gedanken mehr und mehr, bis am Ende die vermeintliche Erkenntnis steht: „Mir kann sowieso niemand helfen“.
Genau das macht der Welttag der Suizidprävention jedes Jahr am 10. September deutlich: Betroffene empfinden das eigene Leben als so schwer, dass sie auf diese Weise nicht mehr weiterleben können. Das ist ein Unterschied, der zählt. Suizidgedanken sind ein Hilferuf, kein aus Bequemlichkeit entstandener Fluchtplan. (Quelle: Welttag der Suizidprävention Deutschland)
Dazu kommt oft noch ein zweiter Gedanke, den man kaum vermuten würde. Der Suizidforscher Thomas Joiner hat gezeigt, wie stark der Gedanke, anderen nicht zur Last fallen zu wollen, das Risiko erhöht. Menschen in einer suizidalen Krise glauben mitunter aufrichtig, ihrer Familie oder ihrem Umfeld ginge es ohne sie besser. Das ist das genaue Gegenteil von Egoismus. Es ist eine verzweifelte, verzerrte Form von Rücksicht. (Quelle: Van Orden, K. A. et al. [2010]. The Interpersonal Theory of Suicide. Psychological Review, 117[2], 575–600.)
Wo dieser Schmerz entsteht
Bei HSN begegnet uns dieser Schmerz in ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Unter Studierenden zum Beispiel zeigen Befragungen: Rund ein Viertel hatte schon einmal im Leben ernsthafte Suizidgedanken – das ist deutlich mehr als in der Gesamtbevölkerung. Der Übergang ins Studium ist ein Aufbruch in ein neues Leben. Leistungsdruck, Zukunftsängste und oft auch die Erfahrung, mit einer Krise allein in einer fremden Stadt zu sein, spielen eine Rolle. (Quelle: Forschung & Lehre: Psychische Gesundheit, wie belastet sind Studierende?)
Verwandte Auslöser sieht man in der Arbeitswelt. Die Internationale Arbeitsorganisation benennt in ihrem aktuellen Bericht zunehmenden Arbeitsdruck, Unsicherheit im Job und fehlende Unterstützung durch Führungskräfte als Faktoren, die das Suizidrisiko messbar erhöhen. Auch Mobbing spielt eine Rolle: 6,5 Prozent aller abhängig Erwerbstätigen in Deutschland sind betroffen, unter jungen Beschäftigten zwischen 18 und 29 Jahren liegt die Sechs-Monats-Prävalenz sogar bei 11,4 Prozent. Burnout wird dabei selten überraschend zum Thema. Er baut sich über Monate auf, bis jemand irgendwann nicht mehr kämpfen kann. (Quellen: International Labour Organization [2026]. The psychosocial working environment: Global developments and pathways for action. — Löbner, M. et al. [2025]. Mobbingreport 2024, Forschungsbericht 655. BMAS.)
Ob Hörsaal oder Großraumbüro: Der Mechanismus dahinter ist ähnlich. Immer geht es um Menschen, die in eine Lage geraten sind, aus der sie allein keinen Ausweg mehr sehen. Sie ziehen sich gerade dann zurück, wenn Nähe am meisten helfen würde.
Warum es so schwerfällt, Hilfe anzunehmen
Genau hier liegt die zweite Hürde. Das StudiCare-Projekt, eine Langzeitbefragung Studierender an mehreren deutschen Hochschulen, deutet darauf hin, dass ausgerechnet Studierende mit stärkeren Belastungen, etwa Depressionen oder Suizidgedanken, seltener professionelle Hilfe in Anspruch nehmen als Studierende mit leichteren Beschwerden. Je akuter die Krise, desto größer offenbar die Scheu, sie auch auszusprechen. Der Grund ist oft die Angst, die Kontrolle über die eigene Situation zu verlieren, sobald andere davon wissen. Diese Sorge ist menschlich verständlich. Sie führt aber genau in die Isolation, die eine Krise noch verschärft. (Quelle: Kaehlke, F. et al., StudiCare-Projekt, gefördert durch die BARMER.)
Das Fenster, in dem Ansprechen wirklich hilft, öffnet sich meist früh und schließt sich mit der Zeit immer weiter. Deshalb lohnt es sich, nicht erst zu reagieren, wenn jemand offen von Suizid spricht, sondern schon dann hinzuschauen, wenn sich jemand zurückzieht, gereizt wirkt oder plötzlich sehr erschöpft ist.
Hinschauen ist der erste Schritt.
Was das für dich als Ersthelfer:in bedeutet
Du musst keine Therapeutin und kein Therapeut sein, um zu helfen. Genau dafür gibt es HSN-Kurse in psychischer Erster Hilfe. Unser Programm ist einfach:
Hinschauen – woran erkenne ich seelische Not? Sprechen – wie komme ich mit dem anderen ins Gespräch, ohne etwas schlimmer zu machen? Netzwerken – wo finde ich entsprechende Hilfe? Für den Betroffenen, aber auch für mich selbst.
Ein Kurs ersetzt keine Therapie, sondern wir wollen die Unsicherheit im Umgang mit dem Thema abbauen. Er gibt dir das Handwerkszeug für den ersten, oft entscheidenden Schritt: hinzuhören, ohne wegzusehen.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet in unserer kostenlosen Vortragsreihe HSN Impulse weitere Hintergründe zur psychischen Ersten Hilfe.
Alle Quellen im Überblick
- Shneidman, E. (1993). Suicide as Psychache. Journal of Nervous and Mental Disease, 181(3), 145–147.
- Welttag der Suizidprävention Deutschland, welttag-suizidpraevention.de
- Van Orden, K. A. et al. (2010). The Interpersonal Theory of Suicide. Psychological Review, 117(2), 575–600.
- Forschung & Lehre: Psychische Gesundheit, wie belastet sind Studierende?
- International Labour Organization (2026). The psychosocial working environment: Global developments and pathways for action.
- Löbner, M. et al. (2025). Mobbingreport 2024, Forschungsbericht 655, BMAS.
- Kaehlke, F. et al., StudiCare-Projekt, e-beratungsjournal.net
- Bundesgesundheitsministerium: Abschlussbericht Suizidprävention
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