Im Juni 2026 hat die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ihr Positionspapier „Prävention psychischer Störungen. Evidenz nutzen – Zukunft gestalten“ veröffentlicht. Es ist ein bemerkenswertes Dokument, nicht weil es Neues über psychische Erkrankungen berichtet, sondern weil die größte psychiatrische Fachgesellschaft Deutschlands eine unbequeme Wahrheit so klar ausspricht: Das zentrale Problem in Deutschland ist kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsdefizit.
Wir wissen, dass rund ein Viertel der Erwachsenen innerhalb eines Jahres die Kriterien einer psychischen Störung erfüllt und etwa die Hälfte im Laufe des Lebens erkrankt. Wir wissen, dass mindestens ein Fünftel dieser Krankheitslast vermeidbar wäre, vermutlich deutlich mehr, denn diese Schätzung berücksichtigt nur wenige Risikofaktoren. Und wir wissen, welche Maßnahmen wirken. Was fehlt, so die DGPPN, sind nicht Erkenntnisse, sondern Strukturen: Prävention bleibt „projektförmig, fragmentiert“ und erreicht die Bevölkerung nur begrenzt.
Diesen Befund teilen wir ohne Einschränkung. Und wir möchten zeigen, dass es anders geht.
Gesundheitskompetenz: Laien können mehr, als das System ihnen zutraut
Das Positionspapier hebt einen Ansatz ausdrücklich hervor: Programme, die Laien befähigen, psychische Krisen früh zu erkennen, angemessen anzusprechen und Betroffene in professionelle Hilfe zu begleiten. Als international bekanntestes Beispiel dieses Typs nennt die DGPPN Mental Health First Aid.
Diese Würdigung gilt dem Programmtyp psychische Erste Hilfe insgesamt, und sie ist überfällig. Denn die erste Hilfe bei seelischen Notlagen ist das fehlende Glied zwischen den beiden Welten, die das Papier zusammenbringen will: der Lebenswelt der Menschen und dem professionellen Versorgungssystem. Die meisten psychischen Krisen zeigen sich zuerst nicht in der Arztpraxis, sondern am Küchentisch, im Verein, am Arbeitsplatz, im Klassenzimmer. Ob dort jemand hinschaut, ansprechen kann und den Weg zur Hilfe kennt, entscheidet über Verläufe.
Mit „Helfen in Seelischer Not“ (HSN) haben wir, die Universität Regensburg, das medbo Bezirksklinikum und das Studienzentrum Josefstal, gefördert vom Bayerischen Gesundheitsministerium, genau dafür ein Programm entwickelt. Und wir haben es von Anfang an so gebaut, dass es die Schwächen vermeidet, an denen Präventionsprogramme in Deutschland laut DGPPN regelmäßig scheitern.
Erstens: Settings statt Einzelpersonen
Die DGPPN fordert, Schulen, Hochschulen, Betriebe und Kommunen „systematisch als Orte der Förderung psychischer Gesundheit“ zu nutzen. Genau das ist der Kern von HSN: Wir schulen nicht primär interessierte Einzelpersonen, sondern verankern psychische Erste Hilfe dort, wo Menschen ohnehin zusammenkommen, in Organisationen, Vereinen, Kirchengemeinden, Unternehmen und ganzen Kommunen. Einzelkurse sind bei uns der Einstieg; das Ziel ist die geschulte Organisation, sichtbar gemacht durch das HSN-Organisationssiegel, und perspektivisch die geschulte Kommune. Im Landkreis Kelheim arbeiten wir mit der Gemeinde Bad Abbach bereits an einem Modell, das sich vorgenommen hat, zehn Prozent der Bevölkerung in psychischer Erster Hilfe zu schulen.
Dieser Setting-Ansatz ist die Antwort auf die Verstetigungsfrage, die das DGPPN-Papier so eindringlich stellt, und er ist anschlussfähig an die Finanzierungslogik der Lebenswelten-Prävention nach § 20a SGB V, die das Papier zu Recht gestärkt sehen will. Verankerung heißt dabei auch Nachhaltigkeit: Psychische Erste Hilfe ist keine einmalige Schulung, sondern eine Kompetenz, die aufgefrischt werden will. Wiederholungs- und Vertiefungsangebote halten das Wissen in Organisationen lebendig; erst so wird aus einem Kurs eine dauerhafte Struktur.
Zweitens: Wissenschaftlich wirksam und radikal niedrigschwellig
HSN ist wissenschaftlich evaluiert. Die erste Evaluation, 2025 peer-reviewt in Frontiers in Public Health erschienen, zeigt signifikante Effekte auf Wissen, Einstellungen und Handlungssicherheit der Teilnehmenden.
HSN ist bewusst radikal niedrigschwellig gehalten: ein kurzes Format ohne Zugangsvoraussetzungen, online wie in Präsenz durchführbar, in wenigen Stunden, zu vergleichbar niedrigen Kosten. Erst diese Größenordnung macht realistisch, was das DGPPN-Papier fordert: Reichweite auf Bevölkerungsebene. Ein Format, das in einen Abend passt und wenig Ressourcen bindet, lässt sich in der Fläche ausrollen und macht ein Ziel wie zehn Prozent einer Kommune überhaupt erreichbar.
„einfach. für alle.“ ist deshalb mehr als ein Slogan, es ist eine präventionspolitische Haltung: Wenn psychische Erste Hilfe flächendeckend wirken soll, muss sie so einfach und so kostengünstig sein, dass Organisationen und Kommunen sie sich als Regelangebot leisten können, nicht nur als Leuchtturmprojekt.
Drittens: Erste Hilfe heißt Erste Hilfe, nicht Therapie
Ein Einwand begegnet uns in Fachdiskussionen regelmäßig, und er ist ernst zu nehmen: Besteht bei der Schulung von Laien nicht die Gefahr, „Hobby-Therapeut:innen“ heranzuziehen, die sich Behandlungen zutrauen, für die sie nicht qualifiziert sind?
Unsere Antwort ist ein klares Design-Prinzip: HSN zieht die Grenze bewusst eng. Teilnehmende lernen erkennen, ansprechen, dasein und weiterlotsen, nicht diagnostizieren und nicht behandeln. Gerade weil unser Kursangebot kurz und niedrigschwellig ist, ist es ein besonders wichtiger Kursinhalt, den Teilnehmenden auch aufzuzeigen, wo ihre Grenzen liegen und wann es Zeit ist, an professionelle Hilfe zu übergeben. Wer einen HSN-Kurs besucht hat, weiß, dass er oder sie Ersthelfer:in ist, so wie niemand nach einem Erste-Hilfe-Kurs im Straßenverkehr auf die Idee kommt, nun operieren zu können.
Und Erfolg beginnt für uns noch früher. Viele seelische Krisen kündigen sich lange vorher an, oft in einem Rückzug, der aus Sprachlosigkeit entsteht: Menschen sprechen nicht über das, was sie belastet, und geraten gerade dadurch tiefer hinein. Psychische Erste Hilfe setzt genau hier an, indem sie Menschen befähigt, früh ins Gespräch zu gehen und Bindung anzubieten, bevor aus einer Belastung eine Notlage wird. Der Erfolg psychischer Erster Hilfe bemisst sich deshalb daran, ob Betroffene schneller im professionellen Hilfesystem ankommen, nicht daran, ob Laien professionelle Hilfe ersetzen. Ebenso entscheidend ist aber, ob es gelingt, Menschen so früh zu erreichen, dass sie diese Hilfe im besten Fall gar nicht in dieser Dringlichkeit brauchen.
Prävention psychischer Störungen: Was jetzt zu tun ist
Das DGPPN-Papier schließt mit einem Handlungsauftrag: Prävention psychischer Störungen müsse von der „projektförmigen Zusatzaufgabe“ zur „verbindlichen Kernaufgabe“ werden. Wir nehmen diesen Auftrag an, und wir nehmen die Politik beim Wort. Die anstehende Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes und das geplante Suizidpräventionsgesetz sind die Gelegenheit, evidenzbasierte Gesundheitskompetenz-Programme strukturell zu verankern und nachhaltig zu finanzieren.
Bis dahin gilt: Warten ist keine Präventionsstrategie. Jede Organisation, jede Gemeinde, jedes Unternehmen kann heute anfangen, die eigenen Leute zu befähigen. Wenn Sie wissen wollen, wie das konkret aussieht, sprechen Sie uns an oder erleben Sie einen HSN-Kurs einfach selbst.
Autor:innen: Prof. Dr. Peter Kreuzer und Prof. Dr. Berthold Langguth (medbo Bezirksklinikum Regensburg, wissenschaftliche Leitung des Programmverbunds HSN), Roger Schmidt (Studienzentrum Josefstal)
Foto: Ben Moreland / Unsplash
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